Radikalisierung im Netz spielerisch thematisieren mit HIDDEN CODES

04. November 2021

Teil 7 der Artikelreihe „Tools für die digital-gestützte pädagogische Praxis“.
Quelle: Bildungsstätte Anne Frank.
Quelle: Bildungsstätte Anne Frank 

HIDDEN CODES ist ein digitales Spiel, das das Thema Radikalisierung im Netz interaktiv und spielerisch aufgreift. Das Spiel wurde von der Bildungsstätte Anne Frank in Zusammenarbeit mit Playing History entwickelt. Es eignet sich für die Bildungsarbeit mit Jugendlichen ab 14 Jahren im Schulunterricht oder anderen Bildungseinrichtungen. Bisher sind zwei sogenannte Episoden des Spiels verfügbar, die sich jeweils unterschiedlichen Radikalisierungsszenarien widmen: In „Emilia“ wird Rechtsextremismus, in „Philipp“ Islamismus thematisiert.  Während sich die Spieler*innen in einem fiktiven Social-Media-Szenario bewegen, lernen sie nicht nur, die Codes dieser extremistischen Gruppierungen zu entziffern, sondern auch, wie sie mit Freund*innen umgehen können, die sich solchen ungewollt anschließen.

Wie funktioniert das Spiel?
Das Spiel lässt sich sowohl in Gruppen als auch alleine spielen. Man kann dafür die zugehörige App herunterladen, es ist allerdings auch eine Browser-Version verfügbar. Zu Beginn erstellen die Spieler*innen ihr eigenes Profil, das der Spielumgebung eines Social-Media-Profils ähnelt und entsprechend aus einem (Spitz-)Namen, einer kurzen Selbstbeschreibung und einem passenden Avatar besteht. Ist das Profil erstellt, tauchen die Spieler*innen direkt in die jeweilige Geschichte ein. Über Chats mit Gruppen, denen sie angehören, sowie mit einzelnen fiktiven Freund*innen oder Stories und Profilen von Bekannten arbeiten sich die Spielenden durch die verschiedenen Stationen des Szenarios. Sie müssen unter anderem Hinweise extremer Gruppierungen auf anderen Social-Media-Profilen finden. Beim Chatten können die Spieler*innen aus zwei bis maximal drei vorgefertigten Antwortmöglichkeiten auswählen. Besonders schön ist dabei, dass die Antworten verschiedene Kenntnisstände miteinbeziehen. Die Schüler*innen können nachfragen, wenn ihnen gewisse Begriffe oder Symbole nicht klar sind – müssen das aber nicht. Das Spiel ist damit für Jugendliche mit und ohne Vorkenntnisse zum Thema geeignet.

Die Episoden sind in unterschiedliche Kapitel unterteilt, wobei am Ende jeweils eine Bewertung erscheint. In diese fließen die Auswahl der Antwortmöglichkeiten beim Chat und das Finden der Hinweise ein.

 

Quelle: Screenshots/HIDDEN CODES

Wie diese Bewertung ausfällt, hat allerdings keinen weiteren Einfluss auf das Spielgeschehen. Wenn die Spieler*innen beispielsweise einen Hinweis nicht gefunden haben, wird in einem Chat anschließend erläutert, welche Hinweise es gegeben hätte und darüber hinaus ebenfalls, was diese bedeuten. Auch am Ende einer Episode wird das gesamte Szenario aufgelöst und faktisch über das Rahmenthema der Episode, also beispielsweise Rechtsextremismus oder Islamismus, informiert.

Einsatz in Workshops mit Kindern und Jugendlichen
HIDDEN CODES  bietet einen für Jugendliche interessanten Einstieg in das Thema Radikalisierung im Netz. Dies beschreibt auch Projektleiterin Dr. Deborah Schnabel: „In einem Spiel werden die Jugendlichen selbst aktiv und sind wirklich involviert, sowohl emotional als auch kognitiv.“ Jugendliche werden so für das Thema sensibilisiert. Um die Jugendlichen mit den neu gewonnenen Informationen nicht alleine zu lassen, ist es empfehlenswert, sich mit ihnen währenddessen und nach dem Spiel darüber auszutauschen. Nach jedem Kapitel könnte dabei der Informationsstand der Spieler*innen festgehalten und abschließend reflektiert werden. Insbesondere der Aspekt, wie die Spieler*innen im Alltag und in ihrem Umfeld mit dem Thema umgehen können, sollte in einer anschließenden Diskussion aufgegriffen werden, da dieser im Spiel zwar angedeutet, nicht aber umfassend erklärt wird. Ratsam ist es in diesem Zusammenhang außerdem, Jugendlichen Hilfeangebote zu nennen, an die sie sich bezüglich Radikalisierung im Netz wenden können.

Das sollte beim Einsatz des Mobile Games in Workshops oder Unterrichtseinheiten berücksichtigt werden: Die Spielzeit je Kapitel beträgt ca. 20 bis 30 Minuten. Das Spielen einer Episode nimmt damit insgesamt etwa 90 Minuten in Anspruch. Eine Aufteilung des Spiels auf mehrere Einheiten ist durch die vorgegebene Unterteilung in Kapitel leicht umsetzbar und wird zusätzlich dadurch unterstützt, dass am Anfang eines neuen Kapitels die älteren kurz wiederholt werden. Bei einer solchen Anwendung wäre es ebenfalls denkbar, die unterschiedlichen Gruppen jeweils verschiedene Episoden spielen zu lassen und abschließend beide Radikalisierungsszenarien (Rechtsextremismus und Islamismus) in einen Zusammenhang zu setzen.

Zur Vorbereitung kann das Spiel in einer Demoversion im Browser gespielt werden. Die Bildungsstätte Anne Frank bietet außerdem kostenlose Fortbildungen zum Einsatz von HIDDEN CODES bei Jugendlichen an, die über die Website angefragt werden können.

Marie Kätzlmeier