Selbstoptimierung während der Corona-Krise

Selbstoptimierung ist in der aktuellen Corona-Krise besonders populär und begegnet uns in Social Media-Angeboten ständig. Wie wirkt sich dieser Produktivitätstrend auf Kinder und Jugendliche aus und wie können pädagogische Fachkräfte oder Eltern damit umgehen? 

Wirft man einen Blick in die Social Media-Angebote, bekommt man den Eindruck, dass momentan alle das Beste aus sich herausholen und wahnsinnig produktiv sind. Yoga, Sprachen lernen, Online-Kurse zum Lernen von Instrumenten oder Zeichnen, Intervallfasten und Drei-Gänge-Menüs stehen an der Tagesordnung. Selbstoptimierung scheint wichtiger denn je zu sein.

Dahinter steckt oft der Wunsch, aus der schwierigen Situation das Beste zu machen und die Zeit sinnvoll zu nutzen. Manchmal ist es auch ein Versuch der Verdrängung: Die Corona-Krise rückt die Unkontrollierbarkeit und Vergänglichkeit des Lebens in unser Bewusstsein und verdeutlicht, wie hilflos wir dem Lauf der Dinge manchmal gegenüberstehen. Für Kinder und Jugendliche können diese Erkenntnisse noch schwerwiegender sein, wenn sie erkennen, dass auch Erwachsene den Entwicklungen mehr oder weniger hilflos ausgeliefert sind und die Situation größtenteils auch nicht kontrollieren können. Mit diesem akuten Kontrollverlust ständig konfrontiert zu sein, kann eine sehr beunruhigende Erfahrung sein. Viele versuchen diese durch die eigene Selbstoptimierung zu kompensieren – unterbewusst oder ganz bewusst als Bewältigungsstrategie.

Den Körper, die Gesundheit und die Psyche beispielsweise durch tägliche Workouts, möglichst gesunde Ernährungsformen, Meditations- und Bildungseinheiten zu optimieren, kann Gefühle von Kontrollier- und Planbarkeit vermitteln und so den eigenen Ängsten, der Unruhe oder gar Resignation entgegenwirken. Umgekehrt kann dieser Trend aber auch weitere negative Gefühle, Stress und Druck hervorrufen. In Social Media-Angeboten begegnen uns etliche Bilder und Videos von produktiven Menschen, die scheinbar jede Minute zur eigenen Optimierung nutzen. Schafft man es selbst nicht, die Zeit genauso effektiv zu gestalten, kann das Stress oder gar ein Gefühl des Versagens bewirken, die eigene Laune noch verschlechtern und am Selbstwertgefühl kratzen.

Sowohl für Erwachsene, als auch für Kinder und Jugendliche, ist es wichtig, nicht vor den eigenen Emotionen, wie Verletzlichkeit und Angst, davonzulaufen, sondern diese hinzunehmen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Dazu gehört auch, den Gedanken zuzulassen, „(…) dass wir sehr vieles passiv erleiden müssen, dass es uns widerfährt“, ohne dass wir es verhindern können, wie der Psychoanalytiker Hans-Jürgen Wirth in einem Artikel des SPIEGEL erklärt. Möglichkeiten zur Auseinandersetzung und zum Verarbeiten bieten digitale Medien, mit denen man sich ausdrücken und die aktuelle Situation reflektieren kann, zum Beispiel durch die Produktion eigener Videos, Comics oder Bilderbücher. Es kann helfen, mit Kindern und Jugendlichen über Gefühle, wie Hilflosigkeit und Unkontrollierbarkeit, zu sprechen sowie über mögliche Folgen, wie schlechte Laune, Traurigkeit und Demotivation. Der Druck, jede Minute sinnvoll nutzen zu müssen, sollte dabei genommen werden, damit in der ohnehin schwierigen Zeit kein zusätzlicher Stress aufgebaut wird. Es ist zum Beispiel völlig okay, auch einmal den ganzen lang Tag unproduktiv zu sein. Frustration oder Demotivation in solcher einer Ausnahmesituation sollten als normale Gefühle angenommen und nicht als Form von Schwäche gewertet werden.

„Allenfalls im zweiten Schritt können wir versuchen, das passiv Erlittene aktiv in unser Leben zu integrieren“, so Wirth. Es geht nicht darum, möglichst effektiv zu sein oder etwas zu tun, das gesellschaftlich als sinnvolle Beschäftigung anerkannt ist. Eltern und pädagogische Fachkräfte sollten Kinder und Jugendliche darin unterstützen, herauszufinden, welche Aktivitäten ihnen wirklich guttun, was sie brauchen und wie sie dies umsetzen können. Inspirationen hierfür findet man auch im Netz, zum Beispiel auf Blogs oder in Podcasts zum Thema. Um Ideen festzuhalten und Pläne zu schmieden, bieten sich Apps wie Evernote an. Hier kann man Inspirationen übersichtlich sammeln und so eine Art digitale Pinnwand erstellen, die zum Ausprobieren und kreativ werden ohne Druck und ständigem Vergleich zu anderen einlädt. Wichtig ist, dass man es auch hinnimmt, wenn es Kindern und Jugendlichen trotz dieser Unterstützung nicht immer oder nicht sofort gelingt, Ideen zu finden und umzusetzen.

Lilly Werny