Sexuelle Identität und Präferenz auf Instagram

17. August 2022

Im Rahmen einer Medienanalyse wurden über 100 Instagram-Profile analysiert, die identitätsrelevante Themen der Altersgruppe der Zehn- bis Vierzehnjährigen aufgreifen. Die Analyseergebnisse werden ausführlich im Short Report Nr. 9 vorgestellt. Zusätzlich wurden Dossiers zu den vier Hauptthemen Liebesbeziehungen, sexuelle Identität und Präferenz, Körperakzeptanz und -optimierung, Aufforderung zu gesellschaftlichem und politischem Engagement erstellt sowie ein Dossier zu Strategien der Publikumsinteraktion.

Die Dossiers geben anhand von Beispielen einen Überblick über thematisch einschlägige Orientierungsangebote auf Instagram. Zudem thematisieren sie damit verbundene pädagogisch relevante Aspekte, die Fachkräfte für die Begleitung von Kindern und Jugendlichen beachten können.

Abbildung, die verschiedene Emojis und häufig genutzte Hashtags zum Thema sexuelle Identität/Präferenz auflistet

Eigene Darstellung mit häufig auftretenden Hashtags und Emojis der Medienanalyse aus Short Report 9

Konkretisierung des Themas und Überblick zu Profilarten

Mit sexueller Identität und sexueller Präferenz setzen sich bei Instagram verschiedenartige Profile auseinander. Ausgiebig beschäftigen sich mit den Themen Ratgeberprofile. Diese werden teilweise von Einzelpersonen gepflegt, die sich selbst explizit einer sexuellen Identität zuordnen und darüber hinaus für Gendervielfalt eintreten. Sie teilen beispielsweise eigene Erfahrungen, geben konkrete (Handlungs-)Empfehlungen an ihr Publikum und wollen dazu ermutigen, zur eigenen sexuellen Identität und/oder Orientierung zu stehen.

Bei Profilen von Zusammenschlüssen/Communitys ist oftmals nicht eindeutig zu bestimmen, wie viele Personen den gemeinsamen Kanal betreiben. Diese Profile entspringen meist einer sozialen Bewegung (z. B. LGBT) und möchten Bewusstsein für sexuelle Identitäten und/oder Orientierungen schaffen und zu Akzeptanz aufrufen. Auch Profile, die sich generell mit gesellschaftsrelevanten Themen auseinandersetzen, greifen das Thema sexuelle Identität und Präferenz in einzelnen Beiträgen auf.

In den Kommentaren beraten sich die Nutzer*innen gegenseitig, indem sie ihre eigenen Erfahrungen, individuellen Lebensgeschichten und Tipps niederschreiben. Die Beitrags-Urheber*innen kommentieren manchmal ebenfalls die Kommentare ihres Publikums.

In den Profilbeschreibungen werden Kontaktangebote via Direktnachricht gemacht – entweder „nur zum Quatschen“ oder auch für konkretere Ratschläge.

 

Profilbeispiele

Transmalepride gibt als Einzelperson in Story Highlights konkrete Ratschläge für Personen in der Frau-zu-Mann-Transition, z. B. wie man als trans Mann mit der Periode umgehen kann oder wie das sogenannte binding, d. h. das Abbinden der Brust, funktioniert. Überwiegend werden Erfahrungen aus dem eigenen Leben geschildert und spezifische Informationen gegeben.

Im Profil the.bi.community finden die Instagramnutzer*innen (laut Profilbeschreibung) einen „safe place for any one #bisexual“. Hier gibt eine Community Ratschläge und bietet Kontakt bei Redebedarf an. Das Profil greift typische Aspekte, Vorurteile, Schwierigkeiten und Umgangsstrategien zum Thema Bisexualität auf. Viele Follower*innen teilen die geschilderten Erfahrungen, äußern sich zustimmend in den Kommentaren und erwidern gleichsam die überwiegend persönliche und wertschätzende Kommunikation.

Im Gegensatz dazu bezeichnet sich das Profil antiprogressiveguru selbst als „political incorrect“ sowie „superstraight“ und postet zu allgemein gesellschaftsrelevanten Themen. Das Profil bzw. die Beiträge sprechen sich unter anderem explizit gegen Feminismus aus und nutzen dafür die Hashtags #feminism #feminist. Diese Hashtags stehen grundsätzlich für eine feministische Grundhaltung, werden jedoch von diesem Profil regelmäßig zu antifeministischen Beiträgen zugewiesen. In den Kommentaren herrscht ein äußerst reger Austausch mit unterschiedlichen Meinungen, wozu sich angiprogressiveguru immer wieder auch selbst äußert.

 

Herausforderungen

Als risikoreich kann der Umstand gewertet werden, dass sich manche Profilinhaber*innen selbst Beratungskompetenzen zusprechen und diese in ihren Profilbeschreibungen bewerben. Dies kann bei hilfesuchenden Personen zu hohe Erwartungen wecken.

Gleichzeitig kann bei diesem spezifischen Thema gerade die Perspektive von direkt Betroffenen im Sinne einer peer-to-peer-Beratung äußerst wertvoll sein. Dennoch sind die Kanalbetreibenden sowie Kommentator*innen unter den Beiträgen in der Regel keine ausgebildeten Beratungsprofis oder Therapeut*innen und nicht zwangsläufig qualifiziert, Ratschläge in möglicherweise kritischen Lebenssituationen zu geben.

Informationen rund um Operationen zur Geschlechtsangleichung können aufklärend sein und im Sinne einer peer-to-peer-Beratung niedrigschwellig. Gerade bei diesem Thema muss aber beachtet werden, dass es sich in aller Regel nicht um medizinisches Fachpersonal handelt, welches eine fundierte Beratung bieten könnte.

Die Vergabe von Hashtags ist den Beitragsersteller*innen überlassen. Dadurch ist es möglich, dass Hashtags ins Gegenteil verkehrt werden und Nutzer*innen auf Inhalte stoßen, die sie nicht explizit gesucht haben.

 

Schlussfolgerungen

Wie bei allen Themen, gilt es die informationsbezogene Urteilsfähigkeit und Reflexion von Kindern und Jugendlichen zu stärken. Nur so können sie differenzieren, inwieweit es sich bei den potenziellen Ratgeber*innen um seriöse Angebote handelt. Auch die Berichte über eigene Erfahrungen aus dem Lebensalltag anderer Nutzenden können für Kinder und Jugendliche informativ sein und Inspiration geben. Sie können als Orientierungsangebote für die Auseinandersetzung mit der eigenen sexuellen Identität dienen, die eine professionelle Beratung nicht eröffnet.

Bei der Hinwendung zu thematisch einschlägigen Beiträgen sollten pädagogische Fachkräfte sowie Kinder und Jugendliche die Diskussionskultur der verschiedenen Kanäle und Communitys beachten. Auf Kanälen, die sich zu unterschiedlichen gesellschaftlich relevanten Themen äußern, wird oftmals ohne Netiquette oder Moderation (durch die Kanalbetreibenden) diskutiert. Dabei kann – durch die Ansprache eines breiteren Publikums aus unterschiedlichen politischen Lagern – ein rauerer Ton aufkommen, als es bei themenspezifischen Kanälen der Fall ist. Deren Community ist sich oftmals in der Grundhaltung zum Thema einig, weshalb weniger kontrovers oder gar aggressiv diskutiert wird. Gleichzeitig dürfen die in einer solchen Community propagierten Informationen nicht unhinterfragt bleiben und sollten auch mit weiteren Bezugs- oder Vertrauenspersonen und ggf. professionellen Berater*innen diskutiert werden.

 

Artikel zum Thema – Geschlechterbilder und Social Media zum Thema machen

Ausführlichere Informationen, finden sich im gleichnamigen Arbeitspapier des Projekts GenderONline. Insbesondere im Kapitel „Herausforderung und Potenziale von Social Media in Bezug auf die Entwicklung von Geschlechtsidentifizierung und sexueller Orientierung bei Kindern und Jugendlichen“ geht die Autorin unter anderem auf die Orientierungsfunktion sowie Perfektions- und Konformitätsdruck ein. https://www.jff.de/veroeffentlichungen/detail/aufarbeitung-des-aktuellen-forschungsstands/

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